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Ein tiefer Einblick in die russische Seele

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Ein tiefer Einblick in die russische Seele

Taunus Zeitung vom 24.04.2017, Seite 11 / Lokales

142 Millionen Menschen in Russland heißen nicht Putin! Der Spiegel-Redakteur Benjamin Bidder las in der Stadtbibliothek aus seinem einfühlsamen Buch "Generation Putin" über die im Jahr 1991 Geborenen. Wera hofft auf Revolution, Lena ist Patriotin, Sascha erobert Moskau im Rollstuhl.

Bad Homburg. Als Zivi im Auslandsdienst wollte Benjamin Bidder nach Israel, Australien oder Ghana, jedenfalls dorthin, wo es warm ist. Es verschlug ihn aber vom Rheinland nach Russland, und er verbrachte die Zeit von 2001 bis 2002 in einem Heim für behinderte Kinder in Pawlowsk und gewann erste Eindrücke aus der post-sowjetischen Zeit des Umbruchs. Er machte erste Interviews mit jungen Leuten. Danach studierte er Volkswirtschaft, auch in St. Petersburg. Von 2009 bis 2016 war Bidder Spiegel-online-Korrespondent in Moskau, seither lebt er als Wirtschaftsredakteur mit seiner Familie in Hamburg.

Mit Wärme berichtet der 1981 geborene Journalist an diesem Donnerstagabend in der Stadtbibliothek, wie er Land und Leute im Umbruch nach der Ära Gorbatschow unter Präsident Putin erlebt hat. Seine Erfahrungen schrieb er in dem Buch "Generation Putin" nieder, erschienen im September 2016. Es trägt den Untertitel "Das neue Russland verstehen" und vermittelt dem Leser über sechs junge Leute und deren Familien einen eindringlichen Blick in den Wandel während der post-sowjetischen Zeit, ihre unterschiedlichen Strömungen vom Begehr nach Freiheit bis zur Restitution der alten Sowjetunion. Als Wolf-Dieter Schmidt von der "Deutsch-Russischen Brücke" das Buch entdeckte, lud er Bidder zu dieser Lesung ein.

Im Jahr 1991 wurden 1,8 Millionen Kinder geboren, für die Gorbatschow und Jelzin Geschichte sind; sie wuchsen so frei auf wie keine Generation zuvor. Das moderne Leben, Konsum und Reisefreiheit stünden, so Bidder, dennoch in krassem Widerspruch zu ihren Ansichten. Ehen unter Homosexuellen etwa würden abgelehnt. Die zarte, elegante Mathematikstudentin Lena setzt sich eisern für die studentische Selbstverwaltung ein, organisiert Hilfsaktionen für Waisenheime, managt eine erfolgreiche Comedy-Truppe und engagiert sich dennoch in der patriotischen Jugendbewegung des Kreml, deren Gruppen in Sommerlagern auch an der Kalaschnikow gedrillt werden. Freie Wahlen hält sie für utopisch.

Herzensangelegenheit

Bidders kenntnisreicher Vortrag wirkt unangestrengt, Russland liegt ihm am Herzen, immerhin hat er neun der vergangenen 15 Jahre dort verbracht und die Entwicklung seiner sechs Protagonisten miterlebt. Wie der Rollstuhlfahrer Sascha sein Leben in die Hand nahm, ein beherzter junger Mann mit Laptop wurde, der die langen Rolltreppen in der Moskauer Metro mit Hilfsmitteln überwindet, wiewohl er in einem 1000-Betten-Heim aufwuchs, wo seinerzeit die Hälfte der Neuankömmlinge unter den miserablen Bedingungen starb. Noch 1991 sagten sich Eltern von behinderten Kindern los, sprachen sich 23 Prozent der Russen für deren "Liquidierung" aus. 2015 waren es nur noch zwei Prozent.

"Die Jungen leben in einer ganz anderen Welt", sagt Bidder. Sie wollen die Welt bereisen, aber in China etwa wollen sie nicht leben. Die junge Generation sei extrem energiegeladen, wie Firmengründungen in Großstädten zeigten. "Ich bin mittelfristig optimistisch. Die Mittelschicht in Großstädten ist nicht mehr nur mit dem Existenzerhalt beschäftigt. Sie denkt übers tägliche Brot hinaus. Hier lebt ein Fünftel der Oppositionellen."

Es gebe aber viel zu wenig gesellschaftliche Kontakte zwischen Deutschen und Russen, sagt er weiter. Das große Hemmnis dabei sei die Visumspflicht für Russen. "Hier können wir mit gutem Beispiel vorangehen."

VON MARTINA DREISBACH